Juli 2026 | Markteinschätzung

Zwischen Spekulation und Fakten

Der Juli war ein ausgesprochen intensiver Monat, nicht nur gemessen an der Nachrichtenlage aus Nahost und neuen Zollphantasien eines Donald Trump.

Unterm Strich konnten Rohstoffe und der asiatische HangSeng-Aktienindex kräftig zulegen, andere regionale Aktienmärkte zeigten auf Indexebene weniger Bewegung – auf Einzeltitelebene hingegen massive Ausschläge, je nach Bekanntgabe während der aktuell laufenden Berichtssaison. Temporäre Skepsis im Hinblick auf die Wertschöpfung von Investitionen im Bereich Künstlicher Intelligenz und deren Infrastruktur führte zu einer heftigen Korrektur der zuvor rein spekulativ hochgejagten koreanischen Halbleiteraktien. Der koreanische KOSPI-Index, der von wenigen Titeln wie SK Hynix und Samsung dominiert wird, stieg seit Jahresbeginn bis Ende Juni +116 %, verlor bis zum 30. Juli -39 %, um am letzten Handelstag, 31. Juli, historisch einmalige +18 % zuzulegen, was in Summe mehr als +50 % seit Jahresbeginn bedeutet. Der Anteil der Spekulanten an den Kapitalmärkten mit neuen Hebelprodukten scheint immer größer, wodurch auch in der Zukunft stärkere Schwankungen wahrscheinlicher werden. Kursbewegungen von 15 % und mehr in beide Richtungen, selbst bei Marktschwerstgewichten wie Microsoft und Amazon, unterstreichen diese These.

Auch deshalb war die US-Notenbank FED offensichtlich bemüht, mit ihrem Entscheid – trotz steigender Inflationserwartungen die Zinsen vorerst nicht zu erhöhen – für etwas Entspannung zu sorgen. Im Spagat zwischen Inflation einerseits und konjunkturellen Rückschlägen andererseits kann aber noch keine Zinsentwarnung gegeben werden. Die Marktzinsen für langlaufende Staatsanleihen stiegen auf der ganzen Welt und sorgten bei Anleihen für Verluste. US-Staatsanleihen 20-jähriger Laufzeit stiegen im Juli sogar auf 5,2 % und damit auf ein 19-Jahres-Hoch. Der Druck des Marktes auf die Schuldenmacher in den westlichen Regierungen wächst…

Makroökonomische Einordnung

Makroökonomisch bleibt die schwankende Inflation ein zentrales Risiko. Dabei geht es weniger um die reine Inflationsrate, als vielmehr um die fehlende Planungssicherheit für Kosten, Preise, Margen aber auch für die zu erwartende Zinspolitik der Notenbanken. Diese Volatilität kann für Märkte toxischer sein als eine moderate, aber stabile Inflationsrate. Unternehmen können mit höheren Kosten umgehen, wenn sie planbar sind. Schwieriger wird es, wenn Energiepreise, Frachtraten, Löhne, Zölle und Finanzierungskosten gleichzeitig schwanken.

Für die Notenbanken entsteht damit ein unangenehmes Umfeld. In den USA preisten die Märkte Ende Juli wieder ein spürbares Risiko weiterer Zinserhöhungen ein. In Europa wurde ebenfalls deutlich, dass die EZB bei erneuten Inflationsschocks nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Das ist aus Sicht der Inflationsbekämpfung nachvollziehbar, erhöht aber das Risiko eines stagflationären Umfelds: Schwächeres Wachstum bei gleichzeitig hartnäckiger Inflation.

Mögliche Zinsanstiege dürfen dabei nicht nur als kurzfristige und temporäre Reaktionen auf Angebotsschocks verstanden werden. Strukturell höhere Zinsen sind unangenehm bei hoher Staatsverschuldung, geopolitischer Fragmentierung, erforderlichen Infrastruktur-, Verteidigungs- und Energieinvestitionen sowie der Finanzierung des KI-Booms.

Wenn Kapital knapper wird, steigen die Anforderungen an die Qualität von Investitionen. Da reicht das zunehmend inflationär benutzte Schlagwort „Total Adressable Market“ zur Rechtfertigung hoher Bewertungen nicht mehr – entscheidend ist, ob aus einem theoretischen Marktpotenzial tatsächlich Umsätze, Gewinne, freie Cashflows entstehen.

Damit bleibt die aktuelle Berichtssaison der Unternehmen – vor allem aus dem Technologiebereich – im Mittelpunkt. Hohe Bewertungen sind allein zwar selten Auslöser einer Korrektur – sie zeigen aber, wie gering der Spielraum für Enttäuschungen geworden ist. Gerade die großen Technologie- und KI-Werte stehen vor der Aufgabe, den behaupteten und allseits erwarteten Produktivitätsschub in belastbare Fakten umzusetzen.

Einordnung der Anlageklassen 

Aktien

Technologieaktien stellen bekanntlich einen außergewöhnlich hohen Anteil am US- und Weltaktienmarkt, die Performance vieler Indizes hängt weiterhin stark an wenigen großen Titeln. Das ist keine gesunde Marktbreite, sondern eine Konzentration von Erwartung einerseits, Risiko andererseits. Aktienrückkäufe waren in der Vergangenheit eine tragende Säule der Aktienmärkte – mittlerweile erwirtschaften einige große KI- und Technologieunternehmen nicht nur Kapital, sondern entziehen es dem Markt durch Kapitalaufnahmen und Verschuldung. Hohe Investitionen in Rechenzentren und Energieinfrastruktur führen zu sinkenden oder gar negativen freien Cashflows, es fehlen Gelder für Aktienrückkäufe als bisherige Marktstütze. Jüngste teils extrem heftige Kursreaktionen auf einzelne Unternehmenszahlen haben das Ausmaß der hohen spekulativen Erwartungen und in der Folge gehebelten Investments verdeutlicht.

Seit Wochen erleben wir rasante Rotationen zwischen Einzeltiteln aber auch ganzen Unternehmensbranchen, die nicht zwingend auf fundierte Einschätzungen zurückzuführen sind. Oftmals wechseln nur spekulative Gelder kurzfristig zwischen Momentum und eher defensiver Orientierung. Der beobachtete Bruch des Momentums vor allem bei KI-Halbleiteraktien forderte im Juli sein erstes prominentes Opfer – Leopold Aschenbrenner, Wunderkind, KI-Guru und zuletzt Fondsmanager, verlor mit seinem rein momentum- und kreditgehebelten Fonds binnen weniger Tage mehr als zwei Drittel an Wert.
Wir halten unverändert an unserer breiten und sehr qualitätsorientierten Aktienauswahl fest. Unternehmen mit belastbaren Cashflows, Preissetzungsmacht, soliden Bilanzen und realistischen Bewertungen sollten wieder stärker in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig sollte man überlaufene Marktsegmente nicht aus reiner Themenbegeisterung weiter aufstocken. Langfristig braucht der Markt Fakten, nicht nur Narrative.

Anleihen

Renditen sind zwar wieder attraktiv – vor allem in den USA gegenüber Aktien – und bieten laufenden Ertrag. Gleichzeitig bleibt aber die Inflationsvolatilität ein Risiko für längere Laufzeiten. Wer ausschließlich auf baldige Zinssenkungen setzt, unterschätzt möglicherweise, wie strukturell einige Zinstreiber geworden sind.

Für Portfolios spricht aus unserer Sicht weiterhin vieles für Qualität, geringere Laufzeiten und selektive Kreditrisiken. Enge sogenannte Credit-Spreads bei Anleihen geringerer Qualität bieten wenig Puffer, falls sich Bankkreditstandards verschärfen oder sich die Finanzierungs-bedingungen in den kommenden Monaten verschlechtern.

Gold und Rohstoffe

Gold bleibt auch nach jüngster Preiskorrektur ein wichtiger strategischer Baustein für uns. In einem Umfeld hoher Staatsverschuldung, geopolitischer Unsicherheit und schwankender Realzinsen erfüllt Gold weiterhin die Funktion einer Versicherung gegen Vertrauensverluste im Finanzsystem. Kurzfristig können ein starker Dollar oder steigende Realrenditen belasten. Langfristig bleibt die Funktion als nicht beliebig vermehrbarer Vermögenswert relevant.

Rohstoffe sind differenzierter zu betrachten. Energie bleibt der wichtigste kurzfristige Inflationskanal. Der Nahost-Konflikt hat gezeigt, wie schnell Ölpreise, Lieferketten und Inflationserwartungen wieder in den Mittelpunkt rücken können. Industriemetalle profitieren strukturell von Elektrifizierung, Infrastruktur und dem enormen Energiebedarf der KI-Rechenzentren, bleiben aber zyklisch. Rohstoffe bleiben daher sinnvoll, aber nicht als pauschaler Block. Entscheidend ist, welche Rohstoffe, welche Unternehmen und welche Bewertungsniveaus man hält.

Ausblick

Der Juli zeigt, dass die Märkte zwischen Spekulation und Fakten stehen. Die Spekulation ist sichtbar: Historisch hohe Margin Debt (schuldenfinanzierte Aktienkäufe), gehebelte Produkte, Zukunftserwartungen an eine perfekte KI-Welt. Die Fakten müssen nun folgen: Belastbare Strategien, Cashflows, Gewinne und allgemeine Produktivitätsfortschritte.

Für die kommenden Wochen behalten wir unseren Fokus auf eine breite Streuung, Qualität, realistische Bewertungen und ausreichend Liquidität.

Frankfurt am Main, 4. August 2026, Thomas Böckelmann

Unsere Fonds

Quelle: Bloomberg, GSR D-Capital
Stand: Wertentwicklung per 31. Juli 2026

Märkte

Quelle: Bloomberg, GSR D-Capital 
Stand: Wertentwicklung per 31. Juli 2026

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